1) Wen oder Was umfasst dein Engagement?

Meine Basis ist ein zweistündiges Café, das seit April 2016 wöchentlich im Gemeinschaftsraum einer Folgeunterkunft stattfindet. Aus den Begegnungen vor Ort – den Anliegen der Bewohner, aber auch anderer Ehrenamtlicher, die ein Angebot für Geflüchtete organisieren – haben sich vielfältige weitere Themen und Aktivitäten, und auch freundschaftliche Beziehungen ergeben.

 

Seit einigen Wochen geht es immer häufiger um Lebensläufe, Praktika oder allgemein die Berufsfindung. Im Sommer stand bei mir das Fahrrad im Mittelpunkt (Radfahren beibringen, Fahrräder organisieren, vgl. auch Nachgefragt!: Klaus). Außerdem sind wir schon gemeinsam zur Welcome Music Session in der Zinnschmelze, zur Welcome Jam im Jugendtreff Jarrestadt oder zum Welcome Movie im Goldbekhaus gegangen. Aber auch Floh- und Weihnachtsmärkte sind beliebt.

 

2) Wie bist du zu deinem Engagement gekommen?

Ich habe mich eine ganze Weile informiert, u.a. bei Wir im Quartier (WiQ), bei Welcome to Barmbek (wtb) und Gertrud hilft, schwankte zwischen Sprachangeboten und Patenschaften. Kurze Wege waren mir von Anfang an wichtig. Beim Runden Tisch für die neu eröffnete Unterkunft habe ich mich dann für das Café entschieden. Ich wollte mir ein eigenes Bild machen von den neuen Nachbarn und ihren Bedürfnissen und auch herausfinden, was für mich passt.

 

3) Warum engagierst du dich?

Mir ist ein gutes Miteinander und nicht ein Neben- oder Gegeneinander verschiedener gesellschaftlicher Gruppen wichtig. Dazu möchte ich aktiv beitragen.

Außerdem ist es für mich spannend, aus einem andern Blickwinkel auf das eigene Leben und die eigenen Gewohnheiten zu schauen, was fast automatisch passiert, wenn man mitbekommt, worüber Menschen aus anderen Kulturkreisen stolpern oder welche Fragen sie stellen.

 

4) Wie viel Zeit investierst du pro Woche/Monat?

8 Stunden/Woche sind es mindestens. Phasenweise – im Sommer/Herbst während der Radkurse – waren es deutlich mehr.

 

5) Was empfindest du an deiner Arbeit als schwierig?

Herausfordernd war und ist die Kommunikation. Häufig mussten und müssen einzelne Erwachsene oder die Jugendlichen und Kinder bei der Verständigung helfen. Letztere lernen in Kindergärten und Schulen sehr schnell.

Komplexere Gespräche z.B. bei der Berufsfindung sind leider noch kaum möglich.

 

6) Gibt es ein besonders beeindruckendes Erlebnis (positiv wie negativ) aus deiner Tätigkeit?

Im Sommer habe ich einigen muslimischen Frauen über 30 das Radfahren beigebracht. Es war ihr Wunsch. Sie waren auf mich zugekommen. Es war beeindruckend, wie sehr sie das wollten. Die Terminvereinbarungen haben wunderbar funktioniert, blaue Flecken waren kein Hindernis, immer wieder wurde probiert. Wir haben viel gelacht. Nach zahlreichen lebendigen Übungsstunden in nahegelegenen Parkanlagen haben wir uns mit kleinen Ausflügen in den Stadtverkehr gewagt. Wir alle, auch die Männer und Söhne, waren am Ende sehr stolz.

 

7) Gibt es ein besonders lustiges Erlebnis?

Es gibt kleine Anekdoten. Einmal habe ich mich mit einem befreundeten iranischen Ehepaar abends zu einem Orgelkonzert in der Sophienkirche verabredet. Eine weitere Familie kam dazu. Ich war überrascht, dass auch der zwölfjährige Sohn – den ich gut kenne – mitkam, bis sich herausstellte, dass er dort tanzen wollte…

 

8) Würdest du dich wieder oder weiter engagieren?

Auf jeden Fall. Ich empfinde die Arbeit als bereichernd. Mir macht es viel Spaß.

Ein Aspekt, an den ich im Vorfeld nicht gedacht hatte, ist, dass ich auch ganz viele neue Kontakte zu netten einheimischen Menschen bekommen habe und zu Institutionen, die sich schon lange in den Stadtteilen engagieren.

 

9) Was würdest du im Rückblick anders oder besser machen?

Ich würde heute mit meinem Engagement nicht so lange zögern. In den meisten Fällen bedarf es keines konkreten (Kurs)Angebots. Vieles ergibt sich, wenn man sich kennengelernt hat. Die meisten Geflüchteten sind einfach dankbar, wenn sie auch Kontakt mit Deutschen haben, mit ihnen Sport machen, Deutsch üben oder Fragen stellen können.

 

10) Was kannst du anderen Ehrenamtlichen oder denen, die es werden wollen, mit auf den Weg geben?

Ich glaube, es gibt noch viele Unterstützungsmöglichkeiten oder gar -notwendigkeiten. Auch unter den Geflüchteten gibt es ganz unterschiedliche Menschen, mit den verschiedensten Interessen und Bedürfnissen, je nach Persönlichkeit, aber auch nach familiärer Situation. Man muss sich überlegen, was einem selbst liegt und wie viel Zeit man aufwenden möchte. Klar. Auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Ehrenamtlichen ist sinnvoll. Letztlich scheint mir aber jedes offene, respektvolle Aufeinanderzugehen hilfreich.

 

 

NACHGEFRAGT! : Isabel

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